
Veröffentlicht März 2026
Gesucht: Landwirte, die bereit sind, auf Bio umzustellen
Es ist schwer, sich einen Sektor vorzustellen, der so konstant infrage gestellt wird wie die ökologische Landwirtschaft. Alle paar Wochen taucht dasselbe Argument wieder auf: Bio kann die Welt nicht ernähren, die Erträge sind zu niedrig, die Risiken zu hoch. Oft wird Bio als gut gemeint, aber letztlich unrealistisch dargestellt – eine schöne Idee, die unter realen Bedingungen scheitert.
Und doch zeigen die Umfragen, die wir durchgeführt haben, ein klares Bild: Die Menschen sind bereit, Landwirte in den 2–3 Jahren zu unterstützen, die eine Umstellung auf Bio dauert. Trotzdem begegnet man nur selten Produkten, die als „in Umstellung auf Bio“ vermarktet werden, und es ist schwierig, Landwirte zu finden, die sich aktuell in der Umstellung befinden – oder überhaupt bereit sind, diesen Schritt zu gehen.
In ganz Europa ist die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in den letzten zwei Jahrzehnten stetig gewachsen. Laut Europäischer Kommission hat der Bio-Markt in der EU einen Wert von rund 45 Milliarden Euro erreicht. Trotz einer jüngsten Verlangsamung infolge der Inflation liegen die langfristigen Konsumtrends weiterhin deutlich über dem Niveau von vor zehn Jahren.
Die oft diskutierte „Verlangsamung“ des Bio-Wachstums erfordert jedoch eine differenziertere Betrachtung. Ein Teil der in den aktuellen Statistiken sichtbaren Stagnation ist eher methodisch als strukturell bedingt. Im Jahr 2021 hat Eurostat die Art und Weise geändert, wie ökologische Anbauflächen erfasst werden, und „in Umstellung befindliche“ Flächen aus den Hauptzahlen ausgeschlossen. Dadurch ist ein wesentlicher Teil der Umstellung in den Daten unsichtbar geworden, was das Wachstum flacher erscheinen lässt, als es tatsächlich ist.
Gleichzeitig ist das Bild in Europa alles andere als einheitlich. Während Länder wie Frankreich und Deutschland in den letzten Jahren Stagnation oder sogar leichte Rückgänge verzeichnet haben (in Frankreich spricht man von der „Bio-Krise“), wächst Südeuropa weiter. Allein im Jahr 2023 haben Spanien, Italien und Portugal zusammen mehr als 700.000 Hektar ökologische Anbaufläche hinzugewonnen. Die Zahlen zeigen weniger einen allgemeinen Rückgang als vielmehr eine geografische Verschiebung der Umstellung hin zu Regionen, in denen die Produktionsbedingungen günstiger sind.
Auch politisch geht die Entwicklung in eine klare Richtung: Wachstum. Mit der Farm-to-Fork-Strategie hat sich die EU das Ziel gesetzt, bis 2030 25 % der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften. Ein sehr ambitioniertes Ziel, das weiterhin gilt, obwohl derzeit nur etwa 11 % der Fläche ökologisch sind.
Aus der Distanz scheint also alles zusammenzupassen: Die Nachfrage ist da, und die Politik unterstützt das Wachstum. Doch dann…
Das „Tal des Todes“ zwischen konventionell und bio
Um auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, müssen Landwirte in Europa die Anforderungen der EU-Verordnung erfüllen. Diese harmonisiert die Standards innerhalb der Union und stärkt Prinzipien wie bodengebundene Produktion, strenge Einschränkungen bei synthetischen Betriebsmitteln und eine nahezu vollständige Ablehnung von Gentechnik.
Die Umstellungsphase dauert zwei Jahre für Ackerbau und bis zu drei Jahre für Dauerkulturen wie Oliven, Wein oder Obst. In dieser Zeit müssen die Betriebe bereits vollständig nach Bio-Praktiken arbeiten und unterliegen denselben strengen Kontrollen wie zertifizierte Bio-Betriebe. Der einzige Unterschied: Ihre Produkte gelten als „in Umstellung“ und nicht als „Bio“.
Da sie das EU-Bio-Logo (das bekannte grüne Blatt) nicht verwenden dürfen, müssen sie ihre Produkte weiterhin zu konventionellen Preisen verkaufen – im Supermarkt gibt es praktisch keinen Platz für „Umstellungsprodukte“.
Die wirtschaftlichen Folgen sind unmittelbar spürbar. Die Arbeitskosten steigen in der Regel um 10–20 %, die Erträge können um 10–30 % sinken, während sich die Böden regenerieren, und gleichzeitig müssen Landwirte in neue Ausrüstung investieren und die Kosten der Zertifizierung tragen.
Diese Phase wird oft als „Tal des Todes“ bezeichnet – ein Begriff, der, wenig überraschend, für konventionelle Landwirte nicht besonders einladend ist.
Ein Markt, der die Umstellung nicht mehr belohnt
Vor zehn Jahren war der Bio-Sektor von Wachstum geprägt. Händler suchten aktiv nach neuen Lieferanten, und die Umstellung wurde gefördert, um die steigende Nachfrage zu decken.
Heute hat sich die Situation verändert. Bio ist kein Nischenmarkt mehr, sondern ein etablierter Sektor, der zunehmend von großen Einzelhändlern dominiert wird.
In Ländern wie Deutschland, dem größten Bio-Markt Europas, haben die Umsätze in den letzten Jahren mehr als 17 Milliarden Euro erreicht. Fast 60 % davon entfallen jedoch auf Supermärkte und große Handelsketten. Unternehmen wie Aldi und Lidl haben ihr Bio-Angebot stark ausgebaut und setzen auf verschiedene Strategien, um wettbewerbsfähige Preise zu gewährleisten.
Das hat Bio-Produkte für Verbraucher zugänglicher gemacht – insbesondere in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig hat sich jedoch die Nachfrage verändert. Händler bevorzugen stabile, zertifizierte Lieferketten mit verlässlichen Mengen und Preisen. Betriebe in Umstellung hingegen gelten als unsicher.
Das Ergebnis: Das System bevorzugt zunehmend bereits zertifizierte Betriebe und bietet nur begrenzte Möglichkeiten für diejenigen, die es werden wollen.
Wo umgestellt wird – und wo nicht
Die geografische Verteilung der Umstellung zeigt eine strukturelle Dynamik, die oft übersehen wird. Paradoxerweise wird es schwieriger, Landwirte zur Umstellung zu bewegen, gerade in Regionen, in denen Bio bereits stark verbreitet ist.
In Regionen wie Südspanien, wo der großflächige Bio-Anbau von Oliven, Mandeln oder Avocados stark gewachsen ist, ist der Markt zunehmend gesättigt. Der Wettbewerb zwischen zertifizierten Betrieben ist intensiver, die Margen stehen unter Druck, und die Anreize für Neueinsteiger sind begrenzt.
In Regionen mit geringerer Bio-Durchdringung hingegen sind die Bedingungen oft günstiger. In Teilen Portugals oder Nordspaniens gibt es mehr Spielraum für Wachstum und weniger direkte Konkurrenz.
Vertrauen, Herkunft und Konsumverhalten
Die Herausforderungen der Umstellung sind nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern auch durch die Wahrnehmung der Verbraucher geprägt.
Die Herausforderungen der Umstellung sind nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern auch durch die Wahrnehmung der Verbraucher geprägt.
Das Vertrauen in Bio ist in Europa unterschiedlich ausgeprägt. In Frankreich etwa zeigen Studien eine klare Präferenz für nationale Produkte. Zweifel an Produktionsstandards – selbst innerhalb des EU-Rahmens – bestehen weiterhin. Spanische Produkte werden beispielsweise teilweise als weniger vertrauenswürdig wahrgenommen.
Das führt zu einer interessanten Dynamik: Verbraucher, die importiertem Bio skeptisch gegenüberstehen, sind möglicherweise eher bereit, Umstellungsprojekte zu unterstützen, wenn sie transparente Informationen über die Betriebe erhalten. In diesem Kontext können Nähe und Transparenz wichtiger sein als formale Zertifizierung.
Die Umstellung sichtbar machen
Genau hier setzen innovative Akteure an.
In Frankreich hat die Gruppe Beyond Green die Marke PourDemain geschaffen, um genau dieses Problem zu adressieren. Sie vermarkten gezielt Produkte „in Umstellung“ und machen diesen Status sichtbar. Durch faire Preise während dieser wirtschaftlich schwierigen Phase haben sie bereits die Umstellung von 172 Hektar Land finanziert.
Auch Direktvertriebsplattformen wie CrowdFarming umgehen die klassischen Hürden des Einzelhandels und nutzen die Kraft von Storytelling. Anstatt die Umstellung zu verbergen, stellen sie sie in den Mittelpunkt. Indem Landwirte ihre Praktiken direkt erklären, entstehen langfristige Beziehungen – etwa durch die Adoption eines Baumes oder eines Tieres.
Es ist an der Zeit, die Umstellung auf Bio sichtbar zu machen. Wir können nicht mehr Bio verlangen, ohne anzuerkennen, dass Landwirte Unterstützung brauchen, um diesen Übergang zu schaffen.
Die Menschen sind bereit zu helfen. Aber dafür müssen sie zuerst die Landwirte finden, die diesen Weg gehen.
Sind Sie Landwirt und denken über eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft nach? Wir wissen, dass der Übergang schwierig ist – aber wir wissen auch, dass es einen Markt gibt, der diesen Einsatz honoriert. Wenn Sie bereit sind, diesen Schritt zu gehen, oder jemanden kennen, der es ist, kontaktieren Sie uns. Wir suchen Sie – und es gibt eine Gemeinschaft, die Sie auf diesem Weg unterstützen will.
Geschrieben von Emilia Aguirre
Emilia Aguirre ist unsere Spezialistin für Awareness & Advocacy. Das bedeutet, dass sie ihre Tage damit verbringt, die unbequemen Fragen darüber zu stellen, wie unsere Lebensmittel angebaut, bepreist, etikettiert und verkauft werden. Sie ist die Gastgeberin von What The Field?!, einem Podcast voller Geschichten direkt vom Acker, fundierter Forschung und Gesprächen mit denjenigen, die die Zukunft der Ernährung gestalten (ob sie wollen oder nicht).




