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Gesellschaft

7 min

Veröffentlicht Oktober 2026

Mehr Gift auf dem Teller? Die EU entscheidet jetzt

Die EU ist drauf und dran, den Einsatz gefährlicher Pestizide auf Lebensmittelpflanzen zu erleichtern. Letztes Jahr hat die Europäische Kommission den Food and Feed Omnibus vorgelegt, einen Sammelvorschlag, der mehrere Gesetze zu Lebensmitteln und Landwirtschaft auf einen Schlag ändert. Angeblich, um das Pestizidrecht zu „vereinfachen“ und Biokontrollmitteln (Pflanzenschutz mit lebenden Organismen oder natürlichen Stoffen statt synthetischer Chemie) den Marktzugang zu erleichtern. Tatsächlich schwächt der Vorschlag die Regeln, die Europas Lebensmittel, Wasser und Umwelt vor Pestiziden aller Art schützen, auch vor schädlichen synthetischen.
Dabei bräuchten wir genau das Gegenteil: mehr Schutz vor Pestiziden, nicht laschere Standards. Auch Forschende sowie Ärztinnen und Ärzte schlagen Alarm.

Währenddessen entscheiden die EU-Verantwortlichen über einen verheerenden Vorschlag, der weder die Warnungen der Wissenschaft noch die Forderungen der Öffentlichkeit ernst nimmt. Stattdessen liest er sich wie die Wunschliste der Chemieindustrie zur Aufweichung der Pestizidregeln. Schon der ursprüngliche Kommissionsvorschlag übernahm mehrere Forderungen der Branche; die Fassung des Europäischen Parlaments geht noch weiter. Einige Abgeordnete der konservativen Parlamentsmehrheit drängen darauf, die Schutzregeln gegen Pestizide noch weiter aufzuweichen. Die Abstimmung im Parlament steht bald an (der Termin wurde kürzlich verschoben, ein neuer steht noch aus): Jetzt ist der Moment, sich gegen diesen Rückschritt zu wehren. Noch kannst du dazu beitragen, das Ruder herumzureißen.

 

Verschaff dir Gehör

Was ist der Food and Feed Omnibus?

Bisher müssen Pestizide in der EU eine unabhängige, wissenschaftliche Prüfung von Risiken und Sicherheit durchlaufen, bevor sie zugelassen werden. So soll sichergestellt sein, dass ihr Einsatz keinen Schaden anrichtet. Jede Zulassung wird alle 10 bis 15 Jahre im Licht neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse überprüft.

Dieses System gibt es aus gutem Grund: Pestizide sind dafür gemacht, Lebewesen zu töten. Sie zielen auf Schädlinge, können aber auch Bienen, Wildtieren, dem Bodenleben, Gewässern und sogar der menschlichen Gesundheit schaden. Weil die Wissenschaft dazulernt, wurden Pestizide, die einst als sicher galten, wegen neuer Belege für ihre Giftigkeit inzwischen verboten. Die regelmäßigen Überprüfungen sorgen dafür, dass Hersteller weiterhin nachweisen müssen, dass ihre Produkte sicher sind.

Perfekt ist das heutige System trotzdem nicht: Manche zugelassenen Pestizide richten weiterhin Schaden an. Doch das ist ein Mangel, den man mit konsequenterer Umsetzung des Rechts behebt, und kein Vorwand, es aufzuweichen.

Genau hier liegt der Denkfehler des Omnibus. Er macht es schädlichen Pestiziden leichter, auf dem Markt zu bleiben: Ihre Wirkstoffe (also die Substanz, die den Schädling tatsächlich tötet) sollen unbefristete Zulassungen bekommen, und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse bleiben außen vor, wenn entschieden wird, ob ein Pestizid auf den Markt darf oder dort bleibt. Behörden könnten zwar eine Überprüfung anstoßen, wenn Hinweise auf Schäden auftauchen. Damit läge es aber an Behörden und Forschenden, gefährliche Stoffe aufzuspüren, und nicht mehr an der Industrie. Die Beweislast wird also umgedreht, und zwar in die falsche Richtung.

Die Geschichte zeigt, warum regelmäßige, evidenzbasierte Kontrollen so wichtig sind: von den bienentötenden Neonikotinoiden über das hirnschädigende Chlorpyrifos bis zum hormonell wirksamen Flufenacet. Kommt der Omnibus durch, spart die Industrie Geld, keine Frage. Die Rechnung zahlen aber die Landwirtinnen und Landwirte und wir alle. Giftige Produkte blieben länger auf dem Markt, womöglich unbegrenzt, auf Kosten unserer Gesundheit und der Biodiversität. [1]


Wissenschaft schlägt Alarm

Wissenschaft und Medizin in Europa schlagen wegen des Omnibus Alarm. In einem Brief fordern über 500 Forschende, die politische Debatte auszusetzen, bis eine gründliche, unabhängige Folgenabschätzung vorliegt. [2]

Auch in den einzelnen Ländern wächst die Sorge. In Frankreich haben die Mutuelles (gemeinnützige Krankenversicherungen, die ihren Mitgliedern gehören) den Rückschritt der EU bei Pestiziden verurteilt. In Italien fordern Ärztinnen, Ärzte und Kinderärzte die Europaabgeordneten und die nationalen Behörden auf, sich einer Aufweichung des Schutzes im Namen der „Vereinfachung“ zu widersetzen. Sie warnen vor hormonell wirksamen Stoffen, die das Hormonsystem schon in den geringen Mengen stören können, denen wir im Alltag ausgesetzt sind, und besonders Kindern und Jugendlichen schaden. [3] [4] Auch europaweit haben Endokrinologen und Epidemiologen die Politik aufgefordert, Teile des Omnibus abzulehnen. [5] [6]

Auch andere Fachleute teilen diese Sorgen. Fachleute der UN warnen, dass die Pläne zur Schwächung des Pestizidrechts der EU die Menschenrechte gefährden. [7] Eine vom niederländischen Parlament beauftragte unabhängige Bewertung kommt zu dem Schluss, dass der Vorschlag, obwohl als Vereinfachung verkauft, weder Bürokratie abbaut noch Zulassungen beschleunigt. Eine in Science veröffentlichte Analyse ergänzt: Der Vorschlag würde die Risiken für Gesundheit und Umwelt erhöhen und zugleich Anreize für sicherere Alternativen im Pflanzenschutz schwächen. In Deutschland, den Niederlanden und anderswo schlagen immer mehr Forschende und Universitäten Alarm. [8] Selbst die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die diese Risiken für die EU bewertet, hat andere Lösungen vorgeschlagen, etwa mehr Personal, um den Rückstau abzubauen. [9]

 

Wo stehen wir?

Die Mitgliedstaaten haben im Rat der EU bereits Ende September ihre Unterstützung signalisiert. In ihrer gemeinsamen Position haben sie den Kommissionsvorschlag nur minimal verbessert: Unbefristete Zulassungen sollen nur für Pestizide mit geringem Risiko gelten. [10]

Wir bei Pesticide Action Network (PAN) Europe verurteilen diese Entscheidung, denn sie verlängert die Prüfintervalle für alle anderen Pestizide um fünf oder zehn Jahre, auf insgesamt 15 bis 25 Jahre. Außerdem stützt sie weitere problematische Punkte des Kommissionsvorschlags: etwa eine um bis zu drei Jahre längere Übergangsfrist (die Zeit, in der ein verbotenes Pestizid nach dem Verbotsbeschluss noch verkauft und eingesetzt werden darf) für schädliche Stoffe oder Ausnahmezulassungen für fünf Jahre, wenn sie als unverzichtbar für den Anbau und nicht ersetzbar gelten. Warum sollten wir hinnehmen, dass ein verbotenes Pestizid, dessen Gefährlichkeit erwiesen ist, noch jahrelang weiter versprüht wird?

Zumal wir wissen, dass Pestizide für die Lebensmittelproduktion nicht unverzichtbar sind und es sicherere Methoden gibt, etwa den integrierten Pflanzenschutz (Beobachtung, Vorbeugung und natürliche Gegenspieler, Chemie nur als letztes Mittel) und die Agrarökologie.

Ein neuer Bericht von Corporate Europe Observatory, einer Organisation, die das Konzernlobbying in Brüssel beobachtet, deckt auf, wie die Pestizidindustrie und ihre Verbündeten versuchen, die Regeln aufzuweichen und das Schutzniveau für Mensch und Umwelt zu senken. Die italienischen Europaabgeordneten Herbert Dorfmann (EVP) und Michele Picaro (EKR) haben weitere Forderungen der Branche in den Vorschlag geschrieben, etwa unbegrenzte nationale Zulassungen oder noch großzügigere Ausnahmeregelungen, mit denen ein Land ein in der EU verbotenes Pestizid in bestimmten Fällen weiter einsetzen darf. [11]

Jetzt stimmt das Europäische Parlament, die Kammer, die die Menschen aller Mitgliedstaaten vertritt, über diesen von der Industrie diktierten Vorschlag ab. Danach folgen die Schlussverhandlungen zwischen Parlament, Kommission und Rat. Deshalb ist jetzt der Moment, unsere Europaabgeordneten aufzufordern, sich gegen den Omnibus zu stellen.

Werde aktiv

Kurz gesagt: Wir kämpfen gegen einen Vorschlag, den niemand bestellt hat und der nur den Interessen der Chemieindustrie dient. Und alles deutet darauf hin, dass die Industrie ihn von Anfang an mitgeschrieben hat. [12]

Europas Landwirtschaft verdient Besseres. Es ist Zeit für die entgegengesetzte Richtung: eine nachhaltige, pestizidfreie Landwirtschaft, die unsere Böden, unser Wasser und die Biodiversität schützt, und ebenso die Gesundheit der Menschen, die unser Essen anbauen, auf dem Land leben oder es essen. Dieser Wandel ist dringend, wenn wir eine gesunde und sichere Zukunft wollen.

Noch ist es nicht zu spät. Du kannst dir noch Gehör verschaffen. Schreib noch heute deinen Europaabgeordneten und sag ihnen, wo du stehst.

Anmerkungen:

[1]Pestizide verbieten: für Gesundheit, Bienen und Landwirt*innen

[2] Brief: Antrag, die Gesetzgebungsdebatte zum Food and Feed Safety Omnibus bis zu einer unabhängigen Folgenabschätzung auszusetzen

[3]Die Kosten von Pestiziden für das Gesundheitssystem: ein Grund zur Sorge bei Mutualitäten

[4] Pestizide: Italienische Ärzte und Kinderärzte warnen, dass Vereinfachung den Gesundheitsschutz nicht untergraben darf

[5] Über 500 Wissenschaftler fordern Folgenabschätzung, bevor Pestizidregeln gelockert werden

[6] ESE und Partner wenden sich an Mitglieder des Europäischen Parlaments, um Teile des Food and Feed Safety Omnibus abzulehnen

[7] UN-Experten warnen: Pläne zur Schwächung des EU-Pestizidrechts bedrohen Menschenrechte

[8] Europas Pestizid-Sicherheitsstandards sind bedroht: ein offener Brief an europäische Entscheidungsträger

[9] Brief an die Kommission zum Personalbedarf der EFSA

[10] EU-Mitgliedstaaten unterstützen die Schwächung der Pestizidsicherheit

[11]Neuer Bericht: Food & Feed Omnibus, geschrieben von der Pestizidlobby? von CEO

[12] Agrochemie-Lobbyisten verteidigen ein toxisches Agrarmodell, das auf den Kollaps zusteuert

 

Geschrieben von Dr. Angeliki Lysimachou (PAN Europe)

Dr. Angeliki Lysimachou (PAN Europe)

She is an Environmental Scientist and holds a PhD in Environmental Science and Toxicology. She has worked in scientific research on the impact of endocrine disruptors on the environment. Today, as the Head of Science and Policy, she oversees Pesticide Action Network Europe’s scientific and policy work.

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